Tanz, Gesang und Reisfelder

Peter Robin, Taiwan, 2019

Während meiner zweiten Woche in Hualien (an der Ostküste Taiwans), bin ich zu einer sehr christlichen, indigenen Familie gekommen - den sogenannten "Amis" (wobei, bei der Aussprache das "i" schnell gesprochen wirden und das "s" am Schluss ein scharfes "s" ist). Tatsächlich sind viele Angehörigen dieses Stammes christlich, weil vor ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten (ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wann) christliche Missionare in Taiwan landeten und vom Christentum erzählten. Nach etwa drei Tagen mit den Amis (den Ureinwohnern mit denen ich lebte), fühlte ich mich wohl genug mit ihnen, um eine heikle Frage zu stellen: "Warum habt ihr euch für das Christentum entschieden, wenn ihr schon seit Jahrhunderten eure eigene Religion aus eurem Stamm hattet?" Meine Gastmutter schaute mich mit ihren rundlichen Knopfaugen, trotz dem ernsten Thema, liebenswürdig lächelnd an. Die Antwort war "Wir haben uns für das Christentum entschieden, weil unsere Religion zu viele und grosse Opfer verlangte. Nicht nur Tiere mussten wir als Opfergaben darlegen, sondern auch Menschen. Das Christentum hat einen Gott, der uns ohne Bedingung liebt". Bei den Amis habe ich auch einen Gottesdienst miterlebt. Obwohl sie ihre eigene Sprache sprachen (die irgendwie ähnlich wie Japanisch klingt) und ich darum kein einziges Wort verstanden habe, war es doch interessant die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen ihrem Gottesdienst und unserem zu sehen. Die allgemeine Struktur des Gottesdienstes war eigentlich unserem im Westen recht ähnlich; viel Gesang, Gebet und Predigt. Dazu wird viel getanzt. Nach minutenlangem Zureden und zwei Gläschen Reiswein, brachten sie dann tatsächlich auch mich dazu mitzutanzen. Nach dieser ersten Tanzerfahrung habe ich tatsächlich an einem Dorffest der Amis mit getanzt. Ich merkte, man darf sich selbst in solchen Sitationen einfach nicht mehr so ernst nehmen und etwas über sich selber lachen, dann geht das Tanzen viel leichter.

Meine Wenigkeit, bereit zum Tanz, an einem Dorffest der Amis.

Ausser dem Gottesdienst gab es noch viele weitere besondere Erlebnisse mit den Amis. Von einem werde ich jetzt erzählen:

Eines Morgens fing der Tag – für taiwanesische Verhältnisse – ganz gewöhnlich an; 包子 (Bāozi) und 油條 (Yóutiáo) zum Frühstück und dann ab ins Auto; Aufbruch in neue Abenteuer. Wie immer fuhren wir an endlosen Reisfeldern vorbei, doch irgendwann hielten wir mitten im Nirgendwo zwischen den Feldern an.

"我們到了" sagte meine Gastmutter und stieg aus. Ich glotzte verwundert nach draussen, verwirrt – denn sie hatte gerade gesagt, dass wir angekommen waren. Ich stieg aus uns begrüsste ein paar weitere der Amis, die dort auf uns warteten. Dann fragten sie mich auf Chinesisch, ob ich Autofahren könnte. Ich bejahte die Frage und ehe ich mich versah, sass ich auf einem kleinen Traktor am Lenkrad auf dem Reisfeld.

Hinten am Traktor pflanzte eine Maschine selbstständig den Reis auf das Feld, auf dem wir fuhren. Als wir fast fertig waren, sagten sie: "Schuhe ausziehen, Hut an und von Hand die Ecken bepflanzen wo der Traktor nicht hinkommt." Leider hatte ich keinen Hut dabei, darum gaben sie mir einen ihrer traditionellen Kegelhüte, wie sie Reisbauern häufig tragen. Nun stapfte ich mit einem Bündel junger Reissprossen in der Hand in das fast knietief-bewässerte Feld. Diese Arbeit war anstrengend. Seit diesem Erlebnis, kann ich jedes einzelne Reiskorn so viel besser schätzen. Und dadurch schmeckt der Reis so viel besser.

Das ist der kleine Traktor, der den Reis auf das Feld pflanzt. Links und rechts sind zwei Amis, die im Nirgendwo aus uns gewartet hatten. Begeistert am Lenkrad bin ich.

Ganz links, sowie die Person am weitesten rechts, sind die anderen Amis, die im Nirgendwo auf uns warteten. Hinten rechts sieht man den kleinen Traktor. Der vordere mit dem Reisbauernhut bin ich und hinter mir ist mein Gastvater.